XV. Amphi 2019 – Der zweite Tag

XV. Amphi 2019 – Der zweite Tag

Sonntag, der 20.07.2019 – nicht ganz 30°C, keine Unwetterwarnung. Also schon mal wesentlich bessere Aussichten für den zweiten Tag des Amphi Festivals, als tags zuvor. Zumindest was die Wetterbedingungen betraf. Musikalisch ging es einfach weiter wie zuvor: toll, grandios, fantastisch. Nicht zwingend in der Reihenfolge, aber man muss es ja nicht so genau nehmen. Und auch an diesem Tag hatte man die Qual der Wahl zwischen den drei Bühnen des Festivals.

Traditionell eröffnete die Main-Stage das musikalische Programm, das auf der Hauptbühne mal wieder sehr abwechslungsreich gestaltet war. Den Anfang machten um 11 Uhr die Jungs von Hell Boulevard. Die jungen Goth’n’Roller, die Band wurde erst vor 5 Jahren gegründet, legten kräftig los und weckten das Publikum auf. Bereits beim Soundcheck hatten sie ein kleines Konzert hingelegt, das direkt begeisterte. Vor allem der doch recht improvisierte Mikrofon-Check-Song vDiva, kurz sogar im Duett mit von Marengo (was übrigens hervorragend Klang). Bei ihrem Konzert legten sie dann noch mal eine ordentliche Schippe drauf und hatten selbst sichtlich Spass an der Show. Den hatte auch die folgende Band. Glaubt man zumindest, ihre Gesichter sind dank der Masken und des Make-Ups nicht wirklich gut zu sehen. Zuvor musste aber noch von Mark Benecke klar gestellt werden: es heißt nicht Ost und Front, oder Ost plus Front, sondern schlicht und einfach Ost+Front. Auch wenn „schlicht und einfach“ definitiv nicht zutreffend ist, denn die Show der Jungs ist jedesmal wieder sehenswert (deutlich erkennbar an dem von Blut verschmierten Strahler). Allerdings schienen diesmal Amphi-Familien-Regeln (wie im letzten Jahr beim Blutverbot von Agonoize) etwas „auszubremsen“. Also nur Gimmick-mäßig, aber nicht was die Intensität des Auftritts betraf. Völlig anders ging es anschließend weiter. The Beauty of Gemina ist jetzt nicht unbedingt für ekstatische Ausraster bekannt. Dennoch überzeugen die Mannen um Michael Sele bei jedem Auftritt aufs Neue. Es ist ruhiger als das Vorprogramm (und das folgende Programm), aber nicht weniger intensiv. Und es tut ja zwischendurch auch mal ganz gut, sich ein wenig zurück zu nehmen. Denn bei Faderhead konnte man ja schließlich wieder sämtlichen Energien freien Lauf lassen, wild tanzen, springen und mitsingen. Unterstützung gab es dieses mal von von Marengo (den man ja früh schon mit Hell Boulevard sehen konnte). Bereits seit 2006 lässt Faderhead seine Fans schon durch die Welt tanzen und auch auf dem Amphi hörte dies nicht auf. Und wo man gerade beim fröhlichen Stil-Mix war: mit Welle:Erdball wurde es irgendwie wieder völlig anders. Seit, man lese und staune, 1990 ist Honey bereits mit diesem Elektropop Projekt in der Musikwelt unterwegs. Und schafft es seit dem immer wieder seine Fans zu überraschen. Die durchgeplanten, perfekt inszenierten Shows wirken niemals unnatürlich und aufgesetzt, selbst dann nicht, wenn man einen auf Schaufensterpuppe macht. Diese wurden dann auch im Rahmen einer Spendenaktion auf die Bühne gekarrt, bekleidet nur mit einem QR-Code der direkt zur Spendenaktion führte. Noch nicht ganz so lange dabei, nämlich „erst“ seit 2007, sind White Lies. Die Londoner Jungs brachten soliden Alternative Rock auf die Bühne und konnten sich dabei über begeisterte Fans und Neu-Fans freuen. Der wer White Lies bis dahin noch nicht kannte, wird jetzt sicher noch mal wieder rein hören. Tanzbarer und routinierter wurde anschließend wieder bei Project Pitchfork. Wobei „routinierter“ hier vielleicht nicht ganz angebracht ist, denn bereits im ersten Song streikte das Mikro. Und nicht nur eins. Und nicht nur kurz. Was manch einen Künstler aus dem Konzept bringen oder gar wütend machen könnte, wurde von Peter Spilles mit einem Humor aufgenommen, der seinesgleichen suchte: er sang dann eben ohne Mikro weiter, blieb also quasi im Text, und dirigierte ein wenig für das Publikum, das eifrig versuchte die Lücke zu schließen. „Rhythmische Akustik, das können wir“, kommentierte Peter anschließend, als er aus Versehen doch noch ein funktionierendes Mikro fand. Da hatte die Technik aber auch schon das Problem gelöst und es konnte mit Gesang weiter gehen in dieser hervorragenden Show eines hervorragenden Künstlers. Die größte musikalische Abwechslung stellte aber eindeutig der Headliner des Tages dar. Mittelalter-Rock ist nicht wirklich häufig auf dem Amphi zu finden, schon gar nicht als Headliner, aber wenn man eine Szene-Größe wie In Extremo für das Festival gewinnen kann, dann nur auf diesem Slot. Beim Betrachten der Show verwunderte es niemanden, dass sich diese Band von kleinen Mittelalter-Markt-Shows zu der erfolgreichsten Band in ihrer Sparte aufschwingen konnte. Auch wenn definitiv weniger Pyro als normal verwendet wurde (geht halt nicht so viel auf dieser Bühne), überzeugten InEx auf ganzer Linie. Und das trotz Stimmprobleme von Michael Rhein. Wäre dies nicht explizit erwähnt worden, hätte man es beim Gesang kaum bemerkt, was nur die Größe dieses Musikers zeigte. Und man dankte es ihm. Nicht nur durch bloße Aufmerksamkeit, nein, vielmehr durch aktive Mitarbeit, lautem Mitgesinge und frenetischem Jubel. Wer sich erst dachte, ein Mittelalter-Rock-Headliner auf dem Amphi wäre doch irgendwie komisch, der wurde eines besseren belehrt: der Tanzbrunnen war voll, der Tanzbrunnen tanzte. Es ist schwierig sich an dieser Stelle zu überlegen, welcher andere Headliner eine derartige Stimmung hätte erzeugen können. Da war es dann auch nicht schlimm, dass der Auftritt ohne Zugabe fünf Minuten zu früh endete. Dass das Konzert trotz der Stimmprobleme überhaupt so grandios stattfinden konnte, war schon ein Erlebnis.

Auch im Theater sollte es diesmal etwas abwechslungsreicher werden was die Stilrichtungen anging. Los ging es mit solidem Indie Pop von Seadrake. Die schwedisch-schweizerische Band überzeugte auf Anhieb durch ihre Musik und Sympathie (und den wirklich hervorragenden Lichtverhältnissen auf der Bühne). Erst 2012 gegründet hat Seadrake noch eine große Zukunft vor sich und taucht sicher auch hierzulande noch öfters auf Festivals auf. Noch etwas jünger sind Holygram: die erst 2015 gegründete Band aus, man lese und staune, Köln, galt bisher als Geheimtipp in der Szene und verbinden Post-Punk mit New Wave bereits meisterhaft zu einem ganz eigenen Sound, der immer mehr Szenegänger begeistert. Und auch auf dem Amphi hinterließen sie einen deutlichen Eindruck. Wie es ist vom Geheimtipp langsam aufzusteigen, davon konnte die nächste Band ein Lied singen: Schattenmann kamen mit ihrem NDH 2.0 ins Theater. Und was das Bandalter angeht, war Schattenmann mit dem Gründungsjahr 2016 tatsächlich die jüngste Band im Programm. Durch ihre sympathische Ausstrahlung und auch Vorgeschichte konnten die Schattenmänner von Beginn an eine relativ große Fangemeinde um sich scharren, was der Band sehr schnell weitreichende Möglichkeiten brachte. Aber sie haben es auch verdient: sie bieten ihren Fans eine sehr gute Show mit guter Musik und bleiben sich selbst und ihren Fans treu. Getanzt werden durfte anschließend bei Coma Alliance.  Auch wenn dieses Musik-Projekt erst seit etwa 2016 besteht, die Leute dahinter sind alte Hasen im Geschäft: Adrian Hates kann mit Diary of Dreams auf eine erfolgreiche Musik-Geschichte zurück blicken und Torben Wendt kennt man natürlich von Diorama. Was die beiden Ausnahmemusiker in ihrem Gemeinschaftsprojekt auf die Bühne bringen, ist mehr als nur Hörenswert. Coma Alliance überzeugten schlicht auf ganzer Linie, heizten ihren Fans ordentlich ein und brachten das Theater zum Beben. Was sollte man dieser Musiker-Kombination auch anderes erwarten. Was danach folgte, war irgendwie exotisch: wie bereits zuvor erwähnt sieht man Mittelalter-Rock nicht so häufig im Amphi-Programm. Vielleicht ist es dem Headliner In Extremo geschuldet, dass man noch eine zweite Band dieser Richtung haben wollte. Aber irgendwie ist Feuerschwanz auch da ein kleiner Exot. Noch erstaunlicher: während des Konzerts von Feuerschwanz konnte man dann mal sehen, was für Lichtbedingungen im Theater herrschen können. Klares Licht, nahezu nebelfrei und man konnte wirklich alles erkennen, was auf der Bühne geschah!!! Für das Theater ein richtiger Ausnahmezustand. Aber so kann man zumindest zur Gänze in den Genuss der Show von des Hauptmanns geilem Haufen. „Normaler“ wurde es dann anschließend wieder bei Janus; ein bisschen dunkler, ein bisschen nebliger und wesentlich Härter. Rig weiß sein Publikum zu nehmen und bietet ihm alles, was es haben will. Auf ganz eigene Art und Weise und in jedem Fall grandios. Eigentlich ein kleiner Headliner auf der Theater-Bühne. Klein aber auch nur, weil der große ja noch folgen sollte, nämlich in Form von Nachtmahr. Leider war aufgrund der Fotoregelung bei In Extremo keine Zeit mehr, bei Nachtmahr vorbei zu schauen. Allerdings war das Theater auch brechend voll, es ging nichts mehr rein und nach Ende der Show war allgemein nichts anderes als Lob zu hören. Ob man Nachtmahr nun mag oder nicht, das Publikum begeistern kann Thomas Rainer auf jeden Fall.

Die Orbit-Stage auf dem Schiff wurde von mir mal wieder sträflich vernachlässigt. Dabei ging auch an diesem Tag dort die Post ab. Fix8:Sed8, Jäger 90 und Cryo heizten dem Publikum zu Beginn ordentlich ein. Zu Spark! wagte dann auch ich mich mal rüber. Das EBM-Duo konnte man im letzten Jahr auch schon auf dem E-Tropolis sehen, damals allerdings in deutlich anderem Outfit, nämlich etwas geschminkter in Horror-Clown-Optik, was erst mal kurz für Verwirrung sorgte, da sie diesmal in Natura zu sehen waren. Allerdings hielt die Verwirrung nicht lange, denn dann hatte einen auch schon die Musik wieder voll im Griff und man ging im Rhythmus des wackelnden Schiffes mit. Allerdings konnte man bei diesem Ausflug zum Schiff deutlich dessen Schwäche wahrnehmen: es war im Innenraum nicht überfüllt, kein Vergleich zu L’Ame Immortelle vom Vortag. Es war gut gefüllt, aber es herrschte noch ordentlich Platz. Dennoch kam es kurzzeitig zu einem Einlass-Stop, da eben auch auf dem Oberdeck eine ganze Menge Festival-Besucher einfach nur kurz entspannten. Das sorgte dafür, dass die Fans der gerade spielenden Band nicht zur Bühne konnten. Damit ist der Besuch der Orbit-Stage immer so ein kleines Glücksspiel, denn auf dem Schiff gibt es keinerlei Spielraum was die Besucherzahl angeht. Wenn das Limit erreicht ist, ob die nun an der Bühne stehen oder auf Deck chillen, dann muss der Eingang geschlossen werden. Zu Rabia Sorda kam dann aber auch wieder zur Bühne und dem Hörensagen nach war nicht mal ansatzweise Müdigkeit bei Erk zu spüren, der ja tags zuvor schon mit Hocico über die Main-Stage gerannt war. Zum Headliner wurde es dann wieder richtig voll, so dass der Einlass gestoppt werden musste. Wer es nicht mehr aufs Schiff schaffte, verpasste eine wohl extrem genial-gute Show von Das Ich. Wen wunderts, die Jungs haben es schlicht und einfach drauf und auf der kleineren Orbit-Stage mit wesentlich mehr Publikumsnähe als draußen lässt sich auch noch mal eine ganz andere Atmosphäre schaffen, die einfach nur flasht.

Und damit ging auch dieses Amphi-Festival zu Ende. Das Line-Up hatte wieder für alle etwas zu bieten, das musikalische Programm war sorgfältig ausgesucht und abwechslungsreich. Bei Festivals mit mehreren Bühnen kann man es nie allen völlig recht machen. In diesem Jahr fielen die Entscheidungen aber oft besonders schwer, wen man sich gerade wo angucken wollte. Vor allem die jeweiligen Bühnen-Headliner waren so gut ausgewählt, dass man schon fast auszählen musste, wo man denn hingehen möchte. Natürlich gibt es auch etwas blödere Dinge wie die nicht einzuschätzende Auslastung der Orbit-Stage. Aber zumindest konnte das Schiff in diesem Jahr endlich mal wieder beim Tanzbrunnen anlegen, so war es nicht ganz so schlimm, wenn man dann doch nicht aufgrund von Einlass-Stop zur Bühne konnte.

Insgesamt hat das Amphi 2019 mal wieder einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Und man darf gespannt sein, welches Line-Up im nächsten Jahr auf die Fans wartet.

 

Galerien

Hell Boulevard

Ost+Front

Seadrake

The Beauty of Gemina

Holygram

Faderhead

Schattenmann

Welle:Erdball

Coma Alliance

White Lies

Feuerschwanz

Spark!

Project Pitchfork

Janus

In Extremo