XV. Amphi 2019 – Der erste Tag

XV. Amphi 2019 – Der erste Tag

30°C und Warnung vor starken Unwettern – ambivalente Aussichten für den 19.07.2019 und den ersten Tag des Amphi-Festivals. Doch das hielt zehntausende schwarzbunt gekleidete Menschen nicht davon ab, nach Köln in den Tanzbrunnen zu kommen.

Man war aufs Schlimmste vorbereitet: sowohl für einen Abbruch mit Unterstellmöglichkeiten für die Fans, als auch für einen kompletten Abbruch. Zum Glück aber kam es nicht so weit. Zwar herrschte kurzzeitig ein kleines Unwetterchen über dem Tanzbrunnen, aber die Konzerte konnte alle planmäßig stattfinden und so wirklich gefährlich wurde es auch nicht.

Um 10 Uhr am Samstag startete der Einlass. Wie mittlerweile üblich beim Amphi mit einer Fast Lane für die taschenlosen Besucher und der Luggage Lane für die, die auf nichts verzichten können. Die Security arbeitete aber überall zügig und freundlich, so dass sowohl die taschenlosen als auch die schwer bepackten Leute schnell auf das Gelände kamen. Im Gegensatz zu den letzten Jahren war es auch endlich möglich, dass das Schiff und damit die Orbit Stage am vorgesehen Platz ankern konnte. Es war also keine gefühlte Weltreise mehr nötig zur dritten Bühne des Amphi-Festivals, sondern nur noch ein 5-10 minütiger Fußweg, je nach Eile.

Auf dem Gelände selbst war dann alles wie gehabt: der Festival-Merch direkt zu Beginn, die diversen Versorgungs- und Kleidungsbuden, der allseits beliebte Strand und natürlich die Bühnen, Theater und die Main-Stage. Kurze Wege zu allem, was man braucht und mag. Diese kurzen Wege waren auch nötig, denn bei dem vollgepackten musikalischen Programm bleib kaum Zeit für was anderes.

Los ging es auf der Main-Stage um 11 Uhr mit Seelennacht. Das erklärte und deutlich erkennbare Idol von Marc Ziegler (Kopf, Gesicht, Herz und Seele von Seelennacht) ist niemand geringeres als Scene-Größe Chris Pohl mit Blutengel. Und so klingt Seelennacht auch. Was allerdings nicht schlecht ist, sondern erste Tanzbewegungen im Publikum herbeiführte und die müden Geister weckte. Zwar war dieses Musikprojekt vielen noch unbekannt, obwohl es bereits 2008 gegründet wurde, aber Seelennacht wurde begeistert aufgenommen und hat sicherlich den ein oder anderen neuen Fan gewonnen. Weitaus kürzer im Geschäft aber doch bereits etwas bekannter war die folgende Band, die ein dezentes Kontrastprogramm zu Seelennacht bot: Erdling stürmte die Bühne und haute dem immer zahlreicher werdenden Publikum seine kraftvolle NDH-Musik um die Ohren. Gewohnt lässig und sympathisch füllten die Jungs die gesamte Bühne aus und forderten auch mal Hilfe vom Publikum ein, das gerne darauf einging und lauthals bei Songs wie „Erdling“ und „Supernova“ unterstützte. Weil das Amphi vom Kontrast im musikalischen Programm lebt und für jeden etwas zu bieten hat, folgte auf Erdling ein weiterer Stil-Wechsel. Die Dürener Jungs von Chrom ließen den Tanzbrunnen tanzen. Seit 2007 machen Christian Marquis und Thomas Winters Elektropop in ihrem Musik-Projekt und auch die müdesten Beine können dabei nicht still stehen. Wobei von Müdigkeit im Publikum auch schon nichts mehr zu merken war, schließlich war es bereits mittags. Es wurde ausgelassen getanzt und gefeiert und Chrom heizten die Stimmung nur noch weiter an. Da tat die folgende Abwechslung eigentlich ganz gut, denn es folgte die etwas andere Märchenstunde: die Geschichtenerzähler von Samsas Traum gaben sich die Ehre. Bereits 1996 gründete Alexander Kaschte Samsas Traum und kann somit auf eine lange Bandgeschichte zurück schauen. Und auch wenn es zwischendurch ruhiger um Alex Kaschte wurde, tauchte er doch immer wieder auf und begeisterte seine Fans mit neuen, opulenten, hervorragend ausgearbeiteten und perfekt inszenierten Musikstücken, die die Herzen höher schlagen ließen. Und auch live kann Samsas Traum überzeugen. Allerdings war deutlich zu merken, dass wohl aufgrund längerer Ruhephasen die Fanbase gelitten hatte. Zwar startete Alex immer wieder den Versuch, das Publikum mit ein zu beziehen, aber irgendwie wollte das nicht so wirklich zünden. Schade eigentlich, denn das Konzert war sehr gut. Samsas Traum war aber nicht die einzige Band mit einer derart langen Bandgeschichte. Das nächste Projekt besteht sogar etwas länger. Denn bereits 1993 gründeten die beiden Mexikaner Erk Aicrag und Racso Agroyam das Projekt Hocico. Kein Wunder also, dass beide mit nur einer Handbewegung und einem Kopfnicken ihre Fans bereits begeistern können. Erk, der dafür bekannt ist jegliche Bühnengröße in vollem Umfang nutzen zu können, schien sich diesmal aber etwas zurück zu halten. Man sah ihn tatsächlich über mehrere Sekunden an ein und derselben Stelle stehen! Vielleicht wollte er sich auch nicht zu viel verausgaben, schließlich wollte er am nächsten Tag ja auch noch mit Rabia Sorda auftreten. Doch trotz dieser ungewohnten Ruhe im Auftritt ließ Hocico keine Stille oder gar Stillstand aufkommen. Im Gegenteil, laut, kraftvoll und tanzbar wie immer wehten die Beats über das Gelände. Und das war bereits brechend voll mit Menschen. Auch, weil die zwei folgenden Bands aus der Szene nicht mehr wegzudenken sind und die Fans in Scharen zu sich ziehen. Den Anfang machten die Hamburger Jungs von Lord of the Lost. Ihre riesige Fanbase hatte sich bereits Stunden zuvor die besten Plätze gesichtert und jubelten jedem einzelnen Moment entgegen. Angefangen beim Intro, bei dem Gared im besten Hausfrauen-Putzfachkraft-Outfit mit Zigarette und Staubwedel erstmal die Bühne putzte, weiter über den Einzug von Niklas, Pi und Claas, bis sich auch Chris schließlich in der Bühnenmitte auf einem Podest einfand. Und dann ging es los: einen Kracher nach dem anderen hauten die Jungs raus, sein es „On this Rock I will built my Church“ oder „Morgana“, aber auch die etwas älteren und allseits beliebten Konzertkracher fanden sich im Set. Da störte es auch überhaupt nicht, dass dann doch der Himmel aufbrach und strömender, vom Wind gepeitschter Regen auf den Tanzbrunnen niederging. Die Fans feierten einfach weiter, ignorierten gar das Unwetter (und zum Glück war es ja auch schnell vorüber) und räumten nicht mal ansatzweise den Platz. Gut, wäre da jetzt noch ein Gewitter dazu gekommen und der Wind etwas heftiger gewesen, hätte man vielleicht eingreifen müssen, aber weder Lord of the Lost noch ihre Fans schienen das so richtig wahr zu nehmen. Und wenn die Stimmung schon mal gerade hervorragend war, konnte man ja auch direkt einen weiteren Knaller hinterher schicken. In Form von Blutengel. Chris Pohl und Ulrike Goldmann brauchen definitiv keine Nachhilfe darin, wie man eine Bühnenshow auf die Beine stellt und die Fans begeistert. Unterbrochen von kleinen Redeanfällen bei Chris zeigten sie eine top inszenierte Show bei mittlerweile wieder bestem Wetter und wurden vom Publikum gefeiert. Und dann hatte man die Qual der Wahl, denn von den Spielzeiten her konnte man sich eigentlich nur für einen Tagesheadliner entscheiden. Wer an der Mainstage blieb, konnte mit Nitzer Ebb in den Abend hinein tanzen. Das EBM Projekt besteht tatsächlich schon seit 1982 (mit etwa 10jähriger Trennungsphase zwischendurch). Kein Wunder also, dass sich Generationenübergreifend Fans der Band finden. Was wiederum den brechend vollen Bereich vor Main-Stage erklärte. Zurecht, denn Nitzer Ebb legten eine Show hin, die eines Headliners würdig war und man bereute es nicht wirklich, draußen geblieben zu sein.

 

Während auf der Main-Stage also ein fröhlicher Stil-Mix herrschte, blieb das Theater seiner Tradition größtenteils treu: Hier wurde getanzt. Durchgängig. Größtenteils im Dunkeln. Los ging es mit Logic & Olivia, die bereits seit 1999 besten Elektropop aufs Parkett legen. Und auch auf dem Amphi als Opener machten René (Gesang), Matthias (Keyboard/Piano) und Kalle (Drums) eine mehr als gute Figur (sogar erkennbar, denn es herrschten für das Theater ungewöhnlich gute Lichtverhältnisse). Wesentlich bunter und minimal skurriler wurde es anschließend mit Massive Ego. Der Wiedererkennungswert der Briten ist unbestreitbar, nicht nur musikalisch sondern vor allem optisch. Marc Massive weist dabei auch noch eine Ausstrahlung auf, die es nahezu unmöglich macht, nicht hinzuschauen. Außer man ist am Tanzen. Was man bei Massive Ego eigentlich auch durchgängig war. Bis auf den kurzen Moment, in dem es so aussah als gäbe es technische Probleme. Da musste Marc kurz ein bisschen die Zeit überbrücken, was für ihn aber nicht mal ansatzweise ein Problem darstellte. Einen deutlichen Kontrast, vor allem was die Lichtverhältnisse anging, bildete Dive zu den vorherigen Bands. Bei dem Belgier wurde es dunkel, durchzogen von Strobos, aber eher dunkel. Doch eindrucksvoll donnerte Dive seine Songs hervor. Und in der Anonymität der Dunkelheit lässt es sich auch gleich viel losgelöster tanzen, nur man selbst und die Musik. Großartig heller sollte es auch erst mal nicht werden. The Cassandra Complex zeigte zwar etwas mehr Licht, tauchte die Bühne aber in blaues Licht, was dem Theater eine kühle, und doch angenehme Atmosphäre brachte. Zumindest waren die Herren um Rodney Orpheus für ihre Fans gut zu erkennen. Und Fans hat die 1980 gegründete Band zahlreich, weswegen das Theater auch zum Bersten gefüllt war und kaum Bewegung zu ließ. Was nicht heißt, dass nicht getanzt wurde: wenn die Menge einmal in Bewegung ist, findet sie Wege sich nicht in die Quere zu kommen. Auch wenn sie nicht viel sieht. Nach blau folgte rot. Nicht nur das Licht betreffend, sonder, auch die Arbeitskleidung: Solitary Experiments eroberte die Bühne in ihren gewohnt roten Hemden. Die Elektro-Formation gibt es auch schon seit 1994! Kann man erst mal gar nicht glauben wenn man sieht, mit wie viel Energie Dennis Schober über die Bühne rennt, das Publikum animiert und die Meute zum Tanzen bringt. Eingegroovt war sie ja schon, aber da ging auch noch wesentlich mehr, wie man bei Solitary Experiments feststellen konnte. Und dann wurde es wieder dunkel. Aber gleichzeitig auch nochmal ein bisschen eindrucksvoller. Mit gezielter Lichtsetzung und dem obligatorischen Nebeleinsatz brachten Haujobb eine wundervolle Atmosphäre in das Theater, die von Daniel Myers Gesangsleistung noch getoppt wurde. Die Bielefelder brauchen nicht viel, um eine grandiose Show hinzulegen, die sogar Headliner-Charakter aufwies. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, hätte man die auf den letzten Slot gesetzt. Aber auch als zweitletzte Band des Tages im Theater ließen sie nicht schleifen und verlangtem dem Publikum letzte Kräfte ab. Wobei sich die Fans das ein oder andere Körnchen noch aufsparten, um natürlich bei einem der drei Headliner noch ordentlich mitgehen zu können. Im Theater war dies die Unzucht. Sonst ein gern gesehener Gast auf der Main-Stage, durften sie nun den Tag im Theater beenden. Und sie zeigten sich als würdiger Tages-Headliner auf der zweiten Bühne des Amphi. Eine in diversen Farben getauchte Bühne und die unbeschreibbare Ausstrahlung von Daniel Schulz machten den Abschluss zu einem besonderen Moment für die Fans und sicher auch für die Band selbst, die ihren Time-Slot hervorragend zu nutzen wussten.

Die Orbit-Stage auf dem Schiff war, dem Hörensagen nach, den gesamten Tag über ebenfalls gut besucht. Aufgrund der Enge im Programm, den nur kurzen Abständen zwischen den Bandstarts und dem zwar kürzeren Weg als letztes Jahr aber eben doch zu absolvierenden Weg, musste man sich schon gut überlegen, wen man wann und wo sehen wollte. Auf dem Schiff sorgten den Tag über Ash Code, Hearts of Black Science, Agent Side Grinder, Henric de la Cour und Pink turns Blue für beste Unterhaltung. Und wer sich nicht im inneren des Schiffs aufhalten sondern etwas Sonne tanken wollte, der machte es sich auf dem Oberdeck bequem. Den Tag beenden sollte auf der Orbit Stage eine Szene-Größe: 1996 wurde L’Ame Immortelle gegründet und kann auf zahlreiche Erfolge zurück blicken. Die Shows sind immer ein wahres Erlebnis. Nicht nur, weil der Stil von Sonja Kraushofer eigenwillig schön ist, sondern weil musikalisch und showmäßig einiges geboten wird. Und auch trotz, aber vielleicht auch wegen der geringeren Abmessung der Orbit-Stage, war diese Headliner-Show ein weiteres Highlight in der Bandgeschichte. Das Schiff war zumindest brechend voll. Sowohl vor der Bühne als auch auf der zweiten Ebene nutzen die Fans jede noch so kleine Lücke, um einen Blick auf die Bühne zu erhaschen und ihre Lieblingsband zu feiern. Sonja und Thomas animierten das Publikum, interagierten miteinander und brachten den Tag zu einem wundervollen Abschluss, der locker mit den Geschehnissen auf der Main-Stage und im Theater mithalten konnte.

Und damit ging der erste Tag des diesjährigen Amphi Festivals auch schon zuende. Trotz der Wetterkapriolen und dem kleinen Unwetterchen hatte sich niemand davon abschrecken lassen, diesen Tag zu genießen. Das musikalische Programm war wie immer ausgewogen und bot für jeden Geschmack etwas, zudem war die Organisation mal wieder hervorragend, so dass es auch in diesem Jahr eigentlich wieder nichts zu Meckern gibt. Außer, dass das Festival nur zwei Tage dauert. Umso mehr freute man sich am Ende von Tag 1 schon auf den zweiten Tag.

 

Galerien:

Seelennacht

Erdling

Logic & Olivia

Chrom

Massive Ego

Samsas Traum

Dive

Hocico

The Cassandra Complex

Lord of the Lost

Solitary Experiments

Blutengel

Haujobb

Nitzer Ebb

Unzucht

L’Ame Immortelle